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Corona

Jetzt leben wir schon seit 8 Monaten in einer Pandemie und es hat unser Leben mehr verändert, als ich es je für möglich gehalten hätte. Mal ehrlich, wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass das Leben, wie wir es kannten, sich so sehr wandelt? Der erste quasi Lockdown im Frühling hat mich persönlich zwar extrem verunsichert, so wie es uns alle verunsichert hat, wenn eine Welt sich plötzlich so sehr verändert, aber ich kam damit irgendwie ganz gut klar. Als Schriftstellerin bin ich Einsamkeit gewohnt, ohne eine gewisse Isolation kann man nicht schreiben. Ich habe einen Garten, ich lebe auf dem Land mit der Natur vor der Tür, in der ich mich immer frei fühle, und der Himmel war so wunderbar blau und hoch. Mit meinen Lieben konnte ich immer reden, und ich dachte, das halten wir aus, dass wir uns eine Weile nicht sehen. Mir war und ist noch immer klar, dass ich damit sehr, sehr privilegiert bin.
Und dann kam der Sommer und alles hat sich nach draußen verlagert und wurde leichter.
Und dann kam der Herbst, und alles hat sich nach drinnen verlagert und wurde wieder schwerer.
Ich verstehe, dass die Regierung angesichts der so rapide steigenden Zahlen nach den Herbstferien schnelle Massnahmen ergreift und alles, was mit Menschenansammlungen zu tun hat, vermeiden will. Dass da keine Einzelfallprüfung geschieht, ist ja fast nachvollziehbar. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass eigentlich keiner so richtig weiß, wie man Kulturschaffenden, und das sind
1,5 Millionen Menschen, die immer Steuern bezahlt haben, und einen Jahresumsatz von 130 Milliarden umwälzen, tatsächlich hilft, die immensen Verluste abzufangen. Es geht um 1,5 Millionen Arbeitsplätze. Und um 130 Milliarden Verluste, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.
Der Trompeter Till Brönner hat es letzte Woche in seinem öffentlichen Appell für die Kultur klug und klar ausgedrückt: Die Kultur hat keine Lobby. Die Bundesbahn hat eine, die Autoindustrie hat eine, und zwar eine viel zu große, aber die Kultur wird sich selbst überlassen. Als ginge es um ein bisschen Selbstverwirklichung. Nein. Das Land der Dichter und Denker hat auch einen Kulturbetrieb, eine Kulturindustrie, der seit März der Hahn abgedreht wird. Zum Schutz der Allgemeinheit. Das Gros der Kulturschaffenden ist dafür, die Allgemeinheit zu schützen. Und wieviele Videos von Ballettensembles, Orchestern, Rockbands, Stars haben uns im Frühling das Zuhausebleiben versüßt? Meist wird hier gleich vom Theater und von Konzerthäuser gesprochen, das betrifft letztlich so wenige, die überhaupt ins Theater gehen oder sich für Händelopern interessieren. Deshalb führe ich hier mal die Populärkultur ins Feld: man muss man auch mal von großen Bands sprechen, da hat doch jeder seine Lieblinge. Till Brönner! Die Toten Hosen, Clueso, auch Helene Fischer, meinetwegen … you name it… Die können auch alle nicht mehr auftreten. Und an einem Auftritt von Helene Fischer hängen Ticketbüros, Hallenbetreiber, Bühnentechniker, Tonleute, Security, Catering, Fahrer…da geht es um hunderte von Arbeitsplätzen und das ist den wenigsten bewusst.
Man fragt sich natürlich auch, wieviele Kinofilme überhaupt noch gedreht werden, wenn es irgendwann keine Kinos mehr gibt? Wieviele Schauspieler das jetzt gerade durchhalten? Verschwinden alle #sang-und klanglos? Läuft ein James Bond, dann nur noch bei Streamern? Wird es dann überhaupt noch so etwas wie eine Berlinale oder die Oscars geben? Es trifft ja nicht nur die hohe Kunst,  es trifft auch die Populärkultur, die wir alle täglich konsumieren, wenn wir das Radio andrehen, den Fernseher anschalten, Bilder aufhängen uvm.
Erinnern Sie sich an das Kinderbuch mit der Maus Frederick? Alle Mäuse sind den Sommer über fleißig, schaffen und sammeln Vorräte an. Nur die Maus Frederick ist irgendwie so verträumt, scheinbar ein bisschen nutzlos, schaut umher und sinniert… aber im Winter, wenn alle Mäuse im Dunkeln ihrer Höhle sitzen und sich langweilen und traurig werden, ist es Frederick, der allen das lange Dunkel versüßt, indem er Geschichten vom Sommer erzählt, Blumen, Sonne, Wärme, Düfte der Natur wieder heraufbeschwört und allen hilft über den Winter zu kommen. Frederick ist ist Künstler. Man sollte ihn nicht verhungern lassen, durch ihn wird der Winter erträglich!
Die 70% Regelung für den November hilft bestimmt einigen, aber das wird erstens nicht die Verluste des ganzen Jahres 2020 seit März ausgleichen können, die viele getroffen haben, und zweitens liegt der Maßnahme ein Berechnungsmodell zugrunde, das zu vieles nicht berücksichtigt. Künstler haben oft geballte Einkünfte und endlos lange Monate, in denen sie nichts verdienen. Ein Schriftsteller verdient, wenn er einen Vertrag unterschreibt, oder wenn das Buch erscheint, und lebt dann ein Jahr lang davon, bis er den nächsten Vertrag unterschreibt. Wenn eine Musiktournee von Januar bis April stattfand, dann hatte ein Musiker im November 2019 vielleicht keinen einzigen Cent an Einkommen. Ein Schauspieler war im Sommer stark gebucht, hat im November 2019 nicht verdient, und in 2020 auch noch nichts… und dann? Gibt es nichts.
Anfangs dachte ich für mich, ach, ich bin doch relativ sicher: gelesen wird doch immer! Aber auch bei mir ganz persönlich gibt es Einbrüche. Nach der Buchladenschließung war mein erstes Buch der Trilogie quasi aus den Buchläden verschwunden, weil es ja inzwischen einen Stau an Neuerscheinungen gab, die alle in die Buchläden mussten. Also, wieviel mehr meiner Bücher hätten sich ohne den Lockdown wohl verkauft? Wieviele mehr Lesungen hätte ich gehabt? Circa 10 Lesungen wurden abgesagt, hätte es ohne die Beschränkungen mehr gegeben? Wer weiß?  Ich hatte Glück, dass „Wilde Jahre“ nicht verschoben wurde. Die Bücher vieler Kolleginnen und Kollegen von mir wurden ins nächste Jahr verschoben, um diesem Stau entgegenzuwirken, die meisten Verlage haben ihre Programme geschrumpft. Keine Buchmessen, keine Präsenz in der Öffentlichkeit, das wirkt sich aus. Nun sind die „Wilden Jahre“ frisch erschienen, aber Hmpfffff… wer geht jetzt bummeln, schlendert durch Buchläden, lässt sich inspirieren? Die wenigsten. Diejenigen, die auf das Buch gewartet haben, werden es kaufen, aber diejenigen, die die Trilogie noch entdecken könnten bei ihrem Gang durch die Buchläden, werden dadurch immer weniger…
Ich möchte wirklich nicht jammern, mir geht es besser als vielen und ich kann immer noch vom Schreiben leben, kann den Buchmarkt und den Fernsehmarkt bedienen und damit auch andere Arbeitstellen erhalten, die unmittelbar mit diesem Markt zusammenhängen. Darüber bin ich wirklich froh und dankbar. Und auch dafür übrigens, dass ich zuhause arbeiten kann und mich überhaupt keinen berufsbedingten Risiken aussetzen muss, wie das gesamte medizinische Personal, die Pflege, oder auch Lehrer und Erzieher und alle andere, die viel mit Menschen in Kontakt kommen.
Und so sehr ich die Entscheidungen der Regierung in dieser Pandemie zu großen Teilen mittragen kann, das eine ärgert mich: dass nicht im Sommer besser für den Winter vorgesorgt wurde. Wenn die Maskenpflicht, der öffentliche Verkehr und auch die Restaurants (ich war in einigen, in denen keine Abstandsregeln eingehalten wurden oder von den Bedienungen nur die berühmte Mund- oder Kinnmaske getragen wurde) besser kontrolliert worden wären, wären vielleicht viele Schließungen unnötig geworden. Vielleicht. Und wenn man die 8000 Polizisten, die nun in den Dannenröder Forst geschickt werden sollen, in die Öffentlichkeit schicken würde, um für die Einhaltung der Hygiene Regeln zu sorgen, wäre der Allgemeinheit auch besser gedient. Anderes Thema. Und warum hat man schön viele Intensivbetten und Beatmungsgeräte angeschafft und nicht an die Menschen gedacht, die sie bedienen können? Wie war das nochmal mit dem Applaus im Frühjahr? Ja… es wird nicht beim Applaus bleiben, wurde da mit ernstem Blick versprochen. Und jetzt? Hat sich inzwischen irgendetwas an den Arbeitsbedingungen der Menschen in Krankenhaus und Pflege geändert? Hab ich nicht mitbekommen.
Ein wichtiges Thema ist für mich jetzt: Solidarität. Nicht auf den anderen herumhacken: warum dürfen die und wir nicht, warum geht es denen besser als uns? Ich finde es richtig und wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass die Lufthansa unterstützt wird, obwohl es nicht um 1,5 Millionen Arbeitsplätze geht, und dass die Politik falsche Schwerpunkte setzt, wenn sie lange duisktiert ob sie die Autoindustrie unterstützt aber nur mal ganz kurz überlegt, was man mit dem Pflegepersonal machen könnte… aber ich finde es besonders richtig und wichtig, dass wir zusammenhalten. Wie die Mäuse in der Höhle. Denn zusammen kommen sie gut über den Winter. Schaffen wir dann ja vielleicht auch.
astridruppert

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