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Leuchtende Tage und leuchtende Stoffe: Im Rausch historischer Kleider

Als ich noch dabei war, meinen Roman LEUCHTENDE TAGE zu überarbeiten, bin ich völlig zufällig auf einen kleinen Film gestossen, der die Arbeit der Auszubildenden des Massschneiderlehrgangs der Max-Eyth-Schule in Alsfeld vorstellt. Alsfeld, dachte ich… das ist doch gar nicht weit. Und Massschneider und Massschneiderinnen… nachdem ich mich gerade ein Jahr lang mit historischer Mode und Reformkleidung beschäftigt hatte, konnte ich es kaum glauben, dass ganz in meiner Nähe die Experten saßen! Ich kam auf die Idee, die Schule anzuschreiben, ob sie vielleicht Zeit und Lust hätten, mit mir zusammen Modelle zu entwickeln, die im Roman vorkommen. Kleider zum Anfassen. Damit man den Unterschied fühlen und sehen kann, zwischen einem 4 kg schweren, taillierten Kleid mit einer Taille von 45 cm (ja, tatsächlich und nochmals in Worten: fünfundvierzig!!!) Umfang, das nur mit einem Korsett zu tragen ist, und einem leichten Reformkleid aus zarter Seide, von dem meine Lisette träumt.

Alle waren begeistert und wir einigten uns schnell, dass wir zusammenarbeiten wollten. Auch meinem Verlag, dem dtv, gefiel die Idee und er übernahm die Kosten für die Stoffe, während die Schule anbot, die Entwürfe und Schnitte für die Kleider im Unterricht mit allen Schülern und Schülerinnen zu entwickeln und dann auch zu nähen. Alle Materialien, die nötig waren, die Nähseide, die Maschinen, die Perlen, die Futterstoffe, die Stäbchen fürs Korsett… all das wurde von der Schule großzügig zur Verfügung gestellt. Ohne diese Bereitstellungen, ohne das Engagement aller Lehrerinnen und Schülerinnen, die selbst noch in den Herbstferien zuhause von Hand Stickarbeiten vorgenommen haben, ohne die Hilfe einer gerade fertig gewordenen Maßschneiderin, die extra für zwei Wochen dazukam, wäre es unmöglich gewesen, diese Kleider anzufertigen.

Es war eine spannende Zusammenarbeit. Ich glaube, wir alle haben den Aufwand unterschätzt, den es bedeutet hat, aber ich glaube, wir haben auch alle unglaublichen Spaß dabei gehabt.

Gut, ich gestehe, es gab auch mal eine Phase, da hätten mich wahrscheinlich alle am liebsten auf den Mond geschossen.
Bei einer Schriftstellerin existiert ja alles im Kopf, was in Auszügen aufs Papier gebracht wird. Ich habe die Kleider natürlich alle genau vor mir gesehen, im Buch waren sie aber sooo genau gar nicht beschrieben, das würde ja jeden Leser zu Tode langweilen, wenn jede einzelne Biesennaht und jedes Perlchen beschrieben worden wäre… Die Beschreibungen im Buch ließen also Raum für Phantasie und Interpretation. Man kann sich vielleicht denken, was passierte….
„Oh, das aber ich mir aber gaaaaanz anders vorgestellt!“
An ein paar Stellen konnte ich mir das nicht verkneifen, und ich hoffe, ich bin damit niemandem auf die Füße getreten, das täte mir nämlich wirklich sehr leid! An anderen Stellen, konnte ich die künstlerische Freiheit der Kleiderschöpfer aber auch gut und gerne walten lassen.

Es ist ein tolles Handwerk. Und die Schule ist ein wirklich interessanter Ausbildungsbetrieb, den ich allen, die Interesse an einer Schneiderausbildung haben, wärmstens empfehlen kann. Es gibt so viele spannende Projekte (zum Beispiel Kooperationen mit Schriftstellerinnen…. ;-)), es gibt Modenschauen, es gibt Kostüme fürs Theater, es gibt Praktika im Ausland, bei Modebetrieben in Mailand, in Spanien, in England. Es gibt Werkstätten, in denen wirklich alles vorhanden ist, was man sich vorstellen kann, es gibt wahnsinnig freundliche und engagierte Lehrer, und eine tolle Gemeinschaft. und dazu gibt es quasi eine Jobgarantie mit gar nicht so üblen Einstiegsgehältern. Wer gerne mit den Händen arbeitet, und über ein gewisses Mass an Geduld verfügt, dem kann ich diese schulische Ausbildung an der Max-Eyth-Schule wirklich empfehlen.

So gibt es nun drei Kleider, die mit mir zu Lesungen reisen, die von Leserinnen angeschaut und angefasst werden können, und die das Publikum immer sehr beeindrucken und begeistern.

Ein riesiges Dankeschön an die Max-Eyth-Schule. Das ist ein großes Privileg meines Berufs, dass ich in so viele Welten hineinschnuppern darf und es war eine große Bereicherung für mich, Euch kennenlernen zu dürfen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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