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Mütter und Töchter

Wir kannten unsere Mütter immer nur von einer Seite. Von der Mutterseite. Die Mütter zeigten uns ihr Muttergesicht. Die Gesichter der Frauen, … die sie gewesen waren, bevor sie unsere Mütter wurden, die kannten wir gar nicht.“
Leuchtende Tage

Ich habe schon seit vielen Jahren darüber nachgedacht, ein Buch über Mütter und Töchter zu schreiben. Wahrscheinlich seitdem ich irgendwann gemerkt habe, dass auch unsere Mütter einmal junge Frauen waren, Töchter waren. Dann fing ich an, mir Gedanken über die Mütter der Mütter zu machen, und dann wieder über deren Mütter… und plötzlich wurde das ganze historisch, und aus einem Roman wurden drei.
Obwohl es natürlich auch um das Jetzt und Heute geht, und das Heute auch der eigentliche Ausgangspunkt der Fragestellung war: Als Tochter, Mutter und Enkelin habe ich begonnen, mich zu fragen, welches Band verbindet die Frauen einer Familie? Wo schenkt dieses Band Halt, wo kann man es lösen, und natürlich auch: was webt man selbst mit hinein?

Was sind die Botschaften, die weitergegeben werden innerhalb einer Familie? Ich glaube, dass die Beziehung zwischen Mutter und Tochter vor allem bestimmt wird von zwei menschlichen Grundbedürfnissen: dem nach Sicherheit, und dem nach Freiheit. Und dass wir immer zwischen diesen beiden Polen hin und her pendeln. Dass wir je nach Persönlichkeit, Erfahrungen, oder Lebensalter mehr Nähe oder mehr Abgrenzung wählen, mehr Anpassung oder mehr Selbstbestimmung. Auf jeden Fall ist die Mutter-Tochter Beziehung die prägende Urbeziehung im Leben.

Aber auch Großmütter können eine wichtige Rolle spielen. Es gibt von Alice Miller im „Drama des begabten Kindes“ die Aussage, dass gerade weibliche Rebellinnen oft starke Beziehungen zu Großmüttern hatten, das finde ich interessant. Denn eine Großmutter, die nicht in der direkten, alltäglichen Erziehungsverantwortung ist, kann ihre Enkelin vielleicht eher als Individuum betrachten, ohne den Rollen, die Mutter und Tochter übernehmen, verhaftet zu sein.

Die Erkenntnis, dass jede Frau ein Kind ihrer Zeit und ein Kind ihrer Mutter ist, die wiederum ein Kind ihrer Zeit und ihrer Mutter ist… klingt jetzt vielleicht banal. Aber sich vorzustellen, dass Mütter nicht nur Mütter sind, sondern Frauen, mit eigenen Träumen, Sehnsüchten, Leidenschaften, eigenen Geheimnissen und Enttäuschungen, das kann helfen, die eigene Rolle mal zu verlassen, in der man vielleicht feststeckt? Und es kann helfen, die eigene Familie aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Durch die Perspektivwechsel in der Arbeit am Roman, die ja auch das Prinzip der Trilogie sind, war ich selbst immer wieder überrascht, wie gut ich die Beweggründe der Mütter und der Töchter gleichermaßen verstehen kann. Ich glaube überhaupt, dass Perspektivwechsel für die Kommunikation und Verständigung von Menschen untereinander essentiell sind, die Gesellschaft würde davon gewinnen, wenn man öfter mal versucht, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen. Das könnte man auch auf die meisten politischen Konflikte übertragen…

Das Foto wurde 1964 aufgenommen und zeigt meine Mutter als ganz junge Frau, gerade mal 25 ist sie da, und wie kess sie meinem Vater zuzwinkert, der das Foto gemacht hat. Dahinter steckt wieder eine ganz eigene Geschichte von Müttern und Töchtern, vielleicht erzähle ich die auch irgendwann mal…

astridruppert

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