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Das Kind hat zu viel Fantasie oder: Die Botschaft der Pfefferminzpastillen

Warum ich erst krank werden musste, um die Schriftstellerin in mir zu finden, die ich immer hatte sein wollen.
Ein Erfahrungsbericht für die Zeitschrift Federwelt

Das Kind hat zu viel Fantasie!

Eine frühe Kindheitserinnerung: Der seltsame Blick meiner Mutter, wenn ich ihr die Geschichten erzählte, die in meinem Kopf herumspazierten, zwischen Tag und Traum, sobald ich abends im Bett lag und einschlafen sollte. Der Blick war prüfend, befremdet. Sie befürchtete, dass das nicht normal war, dass ich also nicht normal war. „Das Kind hat zu viel Fantasie“, sagte meine Mutter zu meinem Kinderarzt, und ich hoffte, dass Fantasie keine allzu schwere Krankheit war. Der Kinderarzt verordnete Tabletten zur Beruhigung der Nerven und sagte, ich sei ein sehr sensibles Kind. Sensibel? Das Wort kannte ich nicht, meine Mutter auch nicht so richtig, ich beschloss, die Tanten zu befragen. In den Sechziger Jahren in Fulda, wo ich aufwuchs, waren alle Frauen mehr oder weniger Tanten. Tante Scholl, eine Nachbarin, erklärte: „Das ist, wenn man so verzärtelt ist, die Sensiblen sind meistens zu nichts nütze.“ „Das sind zarte Menschen, die müssen lernen, sich anzupassen.“ Das war die Antwort von Tante Helga, meiner Kindergärtnerin, ja, in meiner Kindheit sprach noch niemand von Erzieherinnen. Aber was war nun der Unterschied zwischen zart und verzärtelt? Und war das eine besser als das andere? Ich war verwirrt. Das klang nicht wirklich gut. Meine echte Tante, die übrigens als einzige niemals Tante genannt werden wollte, schaute mich nachdenklich an: „Das heißt feinfühlig.“ Das klang in meinen fünfjährigen Ohren besser, aber man konnte nie wissen. „Hat das jemand über dich gesagt?“ Ich schüttelte erschrocken den Kopf, es schien mir ratsam, alles zu verbergen, was mit Fantasie und sensibel zu tun hatte. Meine ausgedachten Geschichten behielt ich ab da für mich.

Astrid Lindgren lebte nicht in Fulda.

Während meiner Grundschulzeit bekam ich mein erstes Buch von Astrid Lindgren geschenkt. Eine Astrid, die sich Geschichten ausdachte! Das war sogar ein richtiger Beruf: Schriftstellerin. Aber wie wurde man Schriftstellerin? Wen könnte ich fragen? Frauen in meiner Umgebung waren Krankenschwestern, Kindergärtnerinnen, Sekretärinnen und Verkäuferinnen. Auch Lehrerinnen hatte ich nur in den Fächern Handarbeiten und Mädchenturnen. Die „richtigen“ Fächer unterrichteten Männer. Frauen waren vorrangig „Tanten“, ich war schon dreizehn, als Frauen per Gesetz ohne Erlaubnis ihres Mannes arbeiten durften, wann und was sie wollten. Wer könnte mir helfen? Astrid Lindgren lebte nicht in Fulda. Trotzdem wusste ich seit ich diesem Zeitpunkt, was ich einmal werden wollte. Das konnte doch kein Zufall sein, dass wir den gleichen Vornamen hatten. Astrids dachten sich Geschichten aus!

Wenn ich gefragt wurde, was ich denn einmal werden wollte, antwortete ich dennoch niemals: Schriftstellerin. Ich hielt es so geheim, wie alles andere, was mit „Fantasie“ und „Sensibel“ zu tun hatte. Stattdessen antwortete ich: Lehrerin. Das war schon mutig genug. Es war mir völlig klar, dass niemand das Wort Schriftstellerin hören wollte. Der Kinderarzt hätte bestimmt auch dagegen Tabletten gehabt und meine Mutter hätte noch besorgter geschaut. Meinen Traum behielt ich also für mich und verschloss ihn fest in meinem Herzen. Dort blieb er. Gut verborgen. So gut hatte ich ihn verborgen, dass ich ihn sogar selbst vergaß. Das Leben rollte weiter und ich rollte mit. Nach dem Abitur, als erste in der Familie, studierte ich tatsächlich Lehramt, Anglistik und Germanistik, allerdings nur bis zum ersten Schulpraktikum, wo mir mein erster Unterrichtsversuch sehr deutlich machte, dass ich mich für diesen Beruf überhaupt nicht eigne. Aber mein Literaturstudium liebte ich, wechselte zum Magistra Studiengang und las und las und las, begann nach dem Studium bei einer Filmproduktion zu arbeiten, bekam meine Tochter, gründete eine Familie, arbeitete als Produzentin für Fernsehen, dann Trennung und Alltag als berufstätige Alleinerziehende, neuer Job als Redakteurin in der ARD, ich mochte meine Arbeit. Das Leben rollte voll und prall, ich rannte durch die Tage und hatte komplett vergessen, dass mein Name mich mit einer großen Erzählerin verband.

Mein rasendes Herz

Bis ich mich nach meinem vierzigsten Geburtstag plötzlich in einer großen Erschöpfung mit unglaublich beunruhigendem Herzrasen wiederfand. Alarm. Ruhepuls von 120 beim Aufwachen am Morgen, 140 beim Zähneputzen, 160 beim Anziehen, 180 beim Weg zur Arbeit. Mein schnelles Herz bescherte mir sofortige, medizinische verordnete Ruhe. Wunderbare Ruhe. Über Wochen war ich ruhiggestellt und musste wie in Watte gepackt alles vermeiden, was den Puls hochtreiben könnte: Koffein, Bewegung, Aufregung, Krimis. Ich musste im Bett liegen. Und weil es um mein Herz ging, dessen beängstigend schnelle Schläge ich plötzlich ständig spürte, hörte ich so brav auf meine Ärztin, wie nie zuvor. Erst als sich herausstellte, dass hinter der Sinustachykardie keine andere lebensbedrohliche Erkrankung lauerte, sank ich entspannt in die Kissen, genoss das süße Nichtstun und selige Tagträumereien… Träumereien? Ja! Kaum hatte ich aufgehört, durchs Leben zu rennen, begannen die Geschichten in meinem Kopf wieder herumzuspazieren, zwischen Tag und Traum. Die kleine Astrid war plötzlich wieder da und dachte sich Geschichten aus. Und als es mir dann doch ein bisschen langweilig wurde in der ausgedehnten verordneten Ruhe, klappte ich meinen Laptop auf und begann aufzuschreiben, was meine Fantasie mir zuflüsterte. Ob es mir gelingen könnte, eine Kurzgeschichte zu schreiben? Das war so aufregend! Mein Herz wurde ganz ruhig davon. Mein liebes, weises, rasendes Herz hatte mich zur Ruhe gezwungen und damit meine Erinnerung an meinen Kindheitstraum wieder geweckt.

Meine erste Kurzgeschichte schickte ich an die Literaturzeitschrift Macondo. Und sie wurde angenommen. Als ich das fertige Heft in Händen hielt und im Inhaltsverzeichnis die vertraute Buchstabenfolge meines Vornamens entdeckte – ach, du Gewitter! Was soll ich sagen, es war wundervoll! Astrid. Da stand es. Die Astrid, die sich gut verborgen hatte, vor einer besorgten Mutter, einem Kinderarzt, dem Fantasie genauso suspekt war wie den irritierten Tanten in meinem frühen Umfeld, begann endlich, die Geschichten zu erzählen, die sie sich ausdachte.Meine erste Kurzgeschichte hieß übrigens „Nebenan leben“ und ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich das Unterbewusstsein manchmal Bahn bricht im Schreiben. In der Geschichte verwechselt eine Frau ihren Hauseingang in einer Reihenhaussiedlung und findet sich plötzlich nebenan wieder…

„Wenn nun ein Leben ganz dicht neben einem anderen liegt. Wie ein Haus am anderen und zwischen beiden nur eine Wand. Und wenn man plötzlich eines Tages die Eingänge verwechselt und sich in einem anderen Leben wieder findet, das genauso gut gelebt werden könnte, bleibt man dann einfach da? Oder geht man rasch zurück? Kann man sich selber Nachbar sein?“

Ab da schrieb ich, wann immer ich konnte, eine Kurzgeschichte nach der anderen. Aber ich war noch keine Schriftstellerin. Ich wollte einfach ein bisschen schreiben. Am besten jeden Tag, nebenher. Neben allem, was sonst noch zu tun war. Beruf, Tochter, Freunde, Familie, Haushalt, Alltag … nebenan leben, nebenher schreiben. Aber wann sollte ich dafür die Zeit finden? Und war es denn wirklich wichtig, dass ich schrieb? Nein! Wichtiger war es doch, für andere da zu sein, nützlich zu sein, Geld zu verdienen, Sicherheit zu haben, gesund zu kochen, das Leben zu regeln. Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich lieber schreiben wollte, anstatt mit Freunden zu telefonieren, die Kummer hatten, anstatt mit auf Kindergeburtstage zu gehen, damit meine Tochter sich wohler fühlte, anstatt meine Eltern zu besuchen, die Hilfe brauchten. Vom ganzen Alltagskram, der erledigt werden musste mal ganz zu schweigen… Die Stimmen in mir, die mir sagten, dass zu viel Fantasie schlecht war, die hatte ich erfolgreich ausgeschaltet. Aber die Stimmen, die mir sagten, dass es egoistisch ist, zu fantasieren, dass man sich doch nützlich machen muss und etwas leisten muss… diese Stimmen verstummten nicht so einfach. „Bis heute fühlt es sich unziemlich und egoistisch an, wenn man sich als Frau Zeit für sich selbst nimmt.“ Das schreibt Franziska Schutzbach in ihrem Buch „Die Erschöpfung der Frauen“. Das schlechte Gewissen wird gleich gratis mitgeliefert, wenn man etwas vermeintlich Sinnloses, nur für sich alleine macht und nicht für andere da ist. Schreiben und Lesen, Selbstverwirklichung: das alles war in der Familie, in der ich aufgewachsen bin, durch die Erfahrungen meiner Eltern und Großeltern von Krieg und Nationalsozialismus nicht sehr wertvoll besetzt. Nur nicht auffallen, ein solider Beruf, Sicherheit, der Wirtschaftswunderglaube an Materielles: das alles war wichtiger als Selbstverwirklichung. Und Schreiben? Das war von all dem das Gegenteil.

Die Botschaft der Pfefferminzpastillen

Eines Abends nach einem langen Tag in der Redaktion, einem zähen Stau auf dem Heimweg, fünf unbeantworteten Anrufen von Freunden und Familie, dem Termin für die Steuer im Nacken, den unlösbaren Matheaufgaben meiner Tochter, einem leeren Kühlschrank und um so üppigeren Wäscheberg, dem Gefühl, eigentlich ins Yoga hätte gehen zu müssen, saß ich müde am Küchentisch. Ich war noch etwas benommen, weil ich beim Vorlesen der Gute-Nacht-Geschichte eingeschlummert war und fragte mich, wie sich das Schreiben bloß in mein Leben integrieren ließe? Jetzt, da ich einmal damit angefangen hatte, wollte ich doch nicht gleich wieder aufhören. Keine Zeit zum Schreiben? Das durfte doch nicht wahr sein! Meine Tochter hatte ein Päckchen TicTacs auf dem Tisch stehen lassen und ich rasselte unzufrieden damit herum, nahm mir eines heraus und dabei fielen einige mehr auf den Tisch. Das brachte mich auf eine Idee. Ich schüttete die kleinen weißen Pastillen alle aus und ordnete sie den Stunden zu, die ich am Tag zur Verfügung hatte. Vierundzwanzig Pfefferminzchen für jede Stunde des Tages. Ich legte meinen typischen Wochentag vor mir aus:

2 Tictacs Morgenroutine, Frühstück, Pausenbrote schmieren
9 Tictacs Arbeit
2 Tictacs Weg zur Arbeit
3 Tictacs Mutter-Tochter-Zeit, Hausaufgaben, Abendessen, Gute-Nacht-Ritual
2 Tictacs Haushalt, Einkaufen, Alltag verwalten, Kontakte pflegen, Elternabend, Yoga, Kuchen fürs Schulfest etc …
6 Tictacs Schlaf

Das war natürlich viel zu wenig Schlaf. Kein Wunder, dass ich immer müde war….
Und damals gab es noch keine messbare Bildschirmzeit. Wie das heute wohl aussehen würde?
Ich kann allen empfehlen, das TicTac Spiel einmal zu spielen, vor allem, wenn du das Gefühl hast, dass irgendetwas immer zu kurz kommt.
Bist du unzufrieden mit dem, was du an einem Tag bewältigen kannst?
Hast du das Gefühl, das Schreiben/Malen/Kreativsein, die Zeit, die du gerne für dich hättest,  kommt immer zu kurz?

Wenn du es dir anschauen magst, warum das so sein könnte, kannst du so beginnen:
Nimm dir 24 Nüsse, Bohnen, Steinchen oder Murmeln – oder natürlich Tictacs – und ordne sie deinem Tag zu.
Beginne mit den festen Größen:
Wie viele Stunden schläfst du gewöhnlich?
Wenn du noch einen anderen Job außer dem Schreiben hast, wie viele Stunden arbeitest du?
Wie lange ist dein Arbeitsweg?
Wie viele Stunden verbringst du am Handy?
Wie viel Zeit hast du für Kontakte und Kommunikation im realen Leben?
Wieviel Zeit brauchst du für Bewegung?
Wie viele Stunden verbringst du mit Care Arbeit?
Wie viele mit schnöder Verwaltung des Alltags?
Hast du ein Ehrenamt?
Vergiss nicht die Dinge, die selten passieren, aber dennoch Zeit benötigen, wie: Steuer, Elternabende, Geburtstagsvorbereitungen, Weihnachtsgeschenke.
Brauchst du regelmäßig Zeit für Kultur, Lesen und Inspiration?

Stelle deine ganz eigenen Fragen, setze deine eigenen Stundenpläne hier ein. Es ist etwas völlig anderes, zu wissen, dass man zum Beispiel zu viel Zeit am Handy verbringt, oder es bildlich vor sich zu sehen. Denke daran: es ist nur ein einziger, ganz normaler Tag, den du abbildest. Aber aus diesen einzelnen Tagen besteht dein Leben.

Die Botschaft der Pfefferminzpastillen lag vor mir auf dem Tisch, und zwar sehr deutlich.
Wenn ich wirklich schreiben wollte, musste ich etwas ändern und mir dafür Stunden freischaufeln.

Vom Schlaf und von der Mutter-Tochter-Zeit wollte ich sie nicht wegnehmen. An dieser Stelle hätte ich lieber aufgestockt! Ich hätte den gesamten Alltagskram gerne eingekürzt, aber mir war klar, dass das unrealistisch war. Bestimmt sprang hier und da mal eine Stunde raus, aber dann würde mich jedes Telefonat außer der Reihe, jede Schlange im Supermarkt schon stressen. Es gab nur einen Weg: Ich beschloss, meine Arbeitszeit und die Wege zur Arbeit drastisch zu reduzieren, damit ich mehr Zeit für mich und zum Schreiben haben konnte. Es wurde finanziell echt knapp. Sehr knapp. Es war nicht vernünftig. Und gleichzeitig war es das Vernünftigste, was ich tun konnte. Zum Glück hatte ich einen Rettungsschirm: wenn es überhaupt nicht funktioniert, kann ich perspektivisch zurückgehen auf eine volle Stelle. Das war ein großes Privileg, für das ich meinem Arbeitgeber sehr dankbar war. Denn mit einem Mal hatte ich Zeit! Herrliche Zeit! Ich arbeitete nur noch an zwei Tagen und an drei Tagen in der Woche konnte ich schreiben. Mein Herz beruhigte sich zusehends. Und auf magische Weise wurde der Mut zu diesem Schritt belohnt: Mein erster Roman Obendrüber da schneit es fand gleich einen Agenten und ging in eine Versteigerung. Während ich meinen zweiten Roman schrieb, wurde mir klar, dass ich genau das immer machen will. Die Tage im Büro rissen mich aus meinem kreativen Prozess und obwohl ich wirklich gerne als Redakteurin gearbeitet habe, kam der Zeitpunkt, an dem es sich richtig anfühlte, meine Stelle zu kündigen. Der Rettungsschirm war geschlossen. Noch so eine unvernünftige Entscheidung, aber es war die beste Entscheidung meines Lebens. Und auch die wurde auf magische Weise belohnt. Ich hatte die Kündigung noch nicht eingereicht, da flatterte die Anfrage nach den Filmrechten zu meinem ersten Roman Obendrüber da schneit es ins Haus…

Nach sieben Romanen, von denen drei verfilmt wurden, drei Bänden mit Erzählungen und mehr als einem Dutzend Drehbücher für Fernsehfilme kann ich jetzt sagen: ich bin Schriftstellerin. Mit einer Lesung kann ich auch mal eine Stadthalle füllen und 200 Menschen hören mir dabei zu, wenn ich ihnen vorlese, wohin meine Gedanken spazieren gehen. Ich bin meinem Herzen dankbar, dass es mich daran erinnert hat, was ich beinahe vergessen hätte. Ohne die rasende Unterstützung meines wichtigsten Organs hätte ich das alles wahrscheinlich nicht geschafft. Weil man doch so oft festhält an dem, was ist, und so selten wagt, etwas zu verändern, auch wenn man vielleicht ahnt, dass es viel besser wäre, loszulassen, was einem nicht guttut. Das ist mein ganz eigenes Märchen.

Auf jedem Weg wartet immer ein Drache
Auch in diesem Märchen warten immer noch Drachen, die einfach nicht verschwinden. Meist sind es die alten Drachen, die sich mir in unterschiedlicher Gestalt aus unterschiedlichsten Anlässen immer wieder neu in den Weg stellen und mich anfauchen. Manchmal sind sie klein und lassen sich schnell vertreiben. Aber manchmal sind sie groß. Viel größer als ich bäumen sie sich vor mir auf und spucken Feuer und ich komme nicht weiter. Es gibt immer jemanden, der deine Hilfe braucht, fauchen sie. Du bist keine gute Tochter, Ehefrau, Mutter, Freundin, Oma. Es ist viel wichtiger, dass du dich um deine Mitmenschen kümmerst! Oder auch: Hast du überhaupt etwas zu sagen? Was für einen Sinn und Nutzen hat dein Schreiben überhaupt? Das alles sind mehr oder weniger Neuinterpretationen der Glaubenssätze meiner Eltern, die ich als Kind hörte. Es ist noch gar nicht so lange her, da begann ich erst zu verstehen, dass viele dieser Drachen besonders gerne diejenigen anfauchen, die wie ich aus eher bildungsfernen Familien stammen. Die als erste in der Familie studiert, oder als erste einen künstlerischen Weg eingeschlagen haben und sich früh mit Unverständnis auseinandersetzen mussten. Letztes Jahr wurde ich zu einer Podiumsdiskussion eingeladen: „Erste*r sein! Ein Tag für alle, die als erste*r in der Familie studieren“. Auf der Veranstaltung, die meine ehemalige Universität zusammen mit dem Verein „ArbeiterKind.de“ abhielt, saß ich als Alumna auf dem Podium, zwischen unterschiedlichsten Lebensgeschichten. Es vibrierte förmlich zwischen Podium und Publikum und es flossen durchaus Tränen. Das Verrückte war: ich fühlte mich all diesen fremden Menschen sehr nah und verbunden. Denn egal, ob Vizepräsidentin der Universität, Studentin, Professor, Doktorandin oder auch die Repräsentantinnen des Vereins: wir alle kämpften gegen die gleichen Drachen.

Noch ein paar Worte zu der Initiative ArbeiterKind.de
Der Verein Arbeiterkind.de unterstützt seit seiner Gründung 2008 durch Katja Urbatsch Menschen, denen familiärer Rückhalt für eine akademische Bildung oder Karriere fehlt. Durch Mentoring Programme, durch Aufklärung in Schulen und Universitäten, durch Bildungspartnerschaften, Podcasts und Fortbildungen tragen 6000 Ehrenamtliche in 80 regionalen Gruppen dazu bei. Auf http://arbeiterkind.de gibt es dazu Informationen.

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