HUNDERT HIMMEL
Dieses kleine Büchlein ist anders als alles, was ich bisher geschrieben habe, es ist eine Fabel. Und sie hat damit zu tun, dass ich einmal sehr zu viel Hasten und Eilen in meinem Leben hatte. Zu viel. Jetzt also ein Fabel.
Zio, das ist der Name des Helden in dieser Geschichte. Und das Ungewöhnliche daran ist: Zio ist ein Zilpzalp. Zilpzalpe sind so ungefähr die unscheinbarsten kleinen braunen Vögel mit dem eintönigsten Gesang, die in unseren Breiten vorkommen. Man bekommt sie selten zu Gesicht – weil sie so unauffällig sind. Selbst ein Spatz hat mehr Glamour als diese Vogelart. Warum schreibe ich jetzt plötzlich über einen Vogel? Und dann noch ausgerechnet über so einen unscheinbaren Zilpzalp?
Darum: Weil wir alle etwas von Zio in uns tragen.
Zio stellt sich genau die Fragen, die sich all diejenigen stellen, die manchmal oder öfter oder sogar immer das Gefühl haben, irgendwie anders zu sein.
Diejenigen, die glauben, nicht so ganz ins Schema zu passen, die glauben, am Rande zu stehen. Ideen zu haben, die unmöglich zu verwirklichen sind. Wünsche zu haben, die absurd scheinen.
Die sich nicht aus der Deckung trauen. Denen es gelingt, ihre eigenen Bedürfnisse durch jahrelange Übung geschickt zu ignorieren.
Diejenigen, die zeigen wollen, wer sie wirklich sind, auch wenn niemand danach fragt, die träumen und zweifeln, die mutig und ängstlich zugleich sind und entscheiden möchten, wer sie sein wollen.
Und weil all dies ganz unterschiedliche Menschen in völlig unterschiedlichen Lebenslagen betrifft, hatte ich die Idee, eine Fabel zu schreiben: Von einem kleinen, unscheinbaren und sehr liebenswerten Vogel, der all dies durchlebt.
Wer bin ich und wer könnte ich sein?
Und darf ich es wagen, entgegen aller Erwartungen ganz anders zu sein? Auch wenn der Druck von Außen und die Zweifel im Inneren wachsen?
Wenn ich ehrlich bin, begleiten mich selbst diese Fragen schon sehr lange in immer neuen Facetten.
Es steckt viel Zio in mir. Vielleicht ja auch in dir?
WIE ICH MEINE STIMME FAND: KEINE FABEL.
Zios Geschichte ist auch eine Geschichte vom Mut, den Künstler, die Künstlerin in sich zu suchen und ein Anlass, von mir zu erzählen: Wie habe ich selbst zu meiner Stimme gefunden? Warum bin ich Schriftstellerin geworden?
Ich kann mich erinnern, dass ich schon als Kind Schriftstellerin werden wollte. Es gab da diese Astrid Lindgren, die hieß Astrid, so wie ich auch, und die hatte wunderbare Geschichten geschrieben. Ich fühlte mich ihr verwandt. Am liebsten, dachte ich, würde ich doch genau das auch machen. Denn abends vorm Einschlafen, wenn ich im Bett lag, begannen die Geschichten von alleine loszulaufen. Was ich mir ausdachte, erzählte ich morgens meiner Mutter, die mich dann oft befremdlich ansah und irgendwann meinem Kinderarzt davon erzählte. Doktor Pfeffer bescheinigte mir viel Phantasie und verschrieb ein Mittel, das mich beruhigen würde. Es war anscheinend nicht gut, viel Phantasie zu haben, wenn es dagegen Medizin gab, wie gegen Husten oder Fieber. Ab da behielt ich meine Geschichten für mich.
Während ich mit vier gefeiert wurde, weil ich mir das Lesen selbst beigebracht hatte, und vor Verwandten immer Proben meiner Lesekunst abgeben musste, lernte ich später, dass Lesen und Nichtstun fast gleichbedeutend sind, und dass man erst dann lesen darf, wenn man alle seine anderen Pflichten erfüllt hat. Aber auch dann nicht zu viel, das geht ja sonst auf die Augen.Ich behielt ich es schön für mich, wieviel ich las. Mit 13 hatte ich die Kinder- und Jugendbibliothek der Stadt Fulda durchgelesen. Ein Buch hat mir besonders viele Tagträume beschert: „Polly unterwegs“. Das war die Geschichte einer jungen Frau, die sich mit einem Moped, einem aufgeschnallten Koffer und einer Reiseschreibmaschine auf den Weg macht, Amerika zu durchqueren. Das wollte ich auch! Polly war mein Idol.
ASTRID LINDGREN LEBTE NICHT IN FULDA
Aber wo waren meine Vorbilder im echten Leben? Wo gab es eine Polly? Wo waren all die Menschen, die diese Bücher in den Bibliotheken schrieben? Wo lebten sie? Astrid Lindgren lebte nicht in Fulda. Es gab keine einzige Schriftstellerin in meinem Umfeld. Es gab Verkäuferinnen, Krankenschwestern, Sekretärinnen, Kindergärtnerinnen. Selbst Lehrerinnen gab es nur für Mädchensport, Hauswirtschaft, Religion. Meine Träume blieben mein Geheimnis. Wenn ich gefragt wurde, was ich werden wollte, sagte ich nie: Schriftstellerin. Ich ahnte, dass das nicht die Antwort war, die man hören wollte.
Dann rollte das Leben los. Abitur, Studium, Beruf, Kind, Hochzeit, genau in der Reihenfolge, Scheidung, Sorgen. Es gab überhaupt keine Zeit mehr, an „Polly unterwegs“ zu denken oder daran, dass mein Vorname Astrid mich mit einer großen Erzählerin verbindet. Bis ich mich nach meinem vierzigsten Geburtstag plötzlich in einer riesigen Erschöpfung mit unglaublichem Herzrasen wiederfand. Mein schnelles Herz bescherte mir medizinisch verordnete Ruhe. Wunderbare Ruhe. Ich wurde über Wochen still gestellt und in Watte gepackt. Kein Koffein, keine Krimis, keine Bewegung, noch nicht mal die Spülmaschine durfte ich ausräumen. Und weil es um mein Herz ging, dessen schnellen Puls ich ständig spürte, was mir natürlich Angst einjagte, habe ich so brav auf meine Ärztin gehört wie nie zuvor.
MEIN LIEBES, RASENDES HERZ
Nachdem klar war, dass ich nicht lebensbedrohlich erkrankt bin, sank ich entspannt in die weichen Kissen des süßen Nichtstuns. Selige Tagträumereien. Wie früher, als ich noch ein Kind war. Und wie früher, begannen Geschichten in meinem Kopf zu laufen, in dem in dieser plötzlichen Ruhe dieser unverhofften Auszeit mit einem Mal wieder Raum dafür war. Irgendwann war ich dann aber auch mal fertig ausgeruht und irgendwann wurde es langweilig. Genug Bettruhe. Ich könnte ja auch im Bett etwas schreiben, dachte ich. Wenn ich schon den ganzen Tag sitze und liege, könnte ich doch im Bett ausprobieren, ob ich eine Geschichte erzählen kann? Ich konnte, und es machte mir so eine Freude, mein Herz wurde ganz ruhig davon. Die erste Kurzgeschichte schickte ich an eine Literaturzeitschrift und sie wurde angenommen. Das war der Beginn. Ab da wusste ich es wieder, ich will schreiben.
(Die Kurzgeschichte heißt: NEBENAN LEBEN und ist jetzt im Nachhinein betrachtet ein gutes Beispiel dafür, wie sich das Unbewusste manchmal Bahn bricht im Schreiben. Eine Frau verwechselt den Hauseingang in einer Reihenhaussiedlung und findet sich plötzlich “nebenan” wieder… )
Aber ich war noch keine Schriftstellerin. So sah ich mich noch lange, lange nicht. Jahrelang nicht. Ich wollte einfach ein bisschen schreiben. Jeden Tag. Nebenher. Neben allem, was sonst noch zu tun war. Job, meine Tochter, ein Leben, Freunde, Familie, Haushalt, Alltag … Nebenher schreiben. Wann war Zeit dafür?
Nie.
Und war es denn wichtig?
Nein.
Wichtiger war doch, für andere da zu sein, Geld zu verdienen, Sicherheit zu haben, gesund zu kochen, das Leben zu regeln. Wie Zio, sehnte ich mich danach, mit meiner gerade frisch entdeckten Stimme zu erzählen, sehnte mich danach, das Leben, das mich umgab, zu besingen. Aber ich hatte zwischen all dem Rennen, Hasten, Müssen einfach keine Zeit.

Ich bin meinem Herzen noch heute dankbar dafür, dass es mich aus dem Hamsterrad geholt und mir geholfen hat, mich daran zu erinnern, dass ich doch mal Schriftstellerin werden wollte.
Ohne die rasende Unterstützung meines wichtigsten Organs hätte ich das wahrscheinlich nicht geschafft und weiterhin gedacht, ich muss, ich muss, ich muss… Und mein Herz hat sich auch ganz dankbar gezeigt, es hat sich total beruhigt, hat aber noch immer die Angewohnheit, sich bei zu melden, wenn ich mich nicht genug bewege, zu viel Stress habe, nicht auf mich achte. Wir sind ein gutes Team geworden.
Warum ich das erzähle? Weil man so oft festhält an dem, was ist, und so selten wagt, etwas zu verändern, auch wenn man genau weiß, dass es viel besser wäre.
Angst ist oft sinnvoll und gut, weil sie uns davor hindert, Gefahren, unsinnige Risiken, Fehlentscheidungen zu treffen. Aber wenn man zu viel Angst hat, kann das auch jede Bewegung und jede Chance auf Wandel bremsen. Und Bewegung und Wandel kennzeichnen schließlich: Das Leben!
Zio, der Zilpzalp, erkennt das schließlich auch.
„…dass man all das, was für einen vorgesehen ist, auch loslassen kann, um das zu leben, wofür man geschaffen ist.“
Und er hat recht.
Vielleicht habe ich „Hundert Himmel“ für euch da draußen geschrieben.
Damit ihr wie Zio den Mut habt, eure eigenen Lieder zu singen, eure eigenen Wege zu gehen, eure Stimme zu entdecken, euer Ding zu machen und dabei glücklich zu sein.
Vielleicht habe ich das Buch aber auch für mich selbst geschrieben.
Um mich auch in schwierigen Zeiten immer wieder daran zu erinnern, dass ich versuchen möchte, meiner Stimme zu vertrauen und meine Lieder zu singen.
Trotz aller Zweifel und Stürme.
Trotzdem.
Die Zeichnungen sind von (c) Tanja Gremmel, und ihre wunderbaren filigranen Zeichnungen, mit denen sie Zitate aus dem Buch illustriert hat, können auf meinem Instagram Account bewundert werden.
Zu meinem Instagram Account @astridruppertautorin
